Die Treuhand - Augen zu und durch




Hier dürfen Gäste lesen.

Die Treuhand - Augen zu und durch

Beitragvon Mäuschen » Mo 22. Jul 2019, 16:30

Für Sie berichtet
Ronny Schilder

In die Erinnerung an die Treuhandanstalt mischen sich zunehmend kritische Untertöne. Die damalige Chefin äußert sich jetzt in einer TV-Dokumentation. Birgit Breuel sieht nicht, was man im Großen hätte anders machen können. Eine vergebene Chance.

Chemnitz.


Vergangenheit ist nicht veränderbar. Vergossene Milch. Aber Fehler der Vergangenheit, die wirken weiter: unbewältigte Kränkungen, Demütigungen, Ungerechtigkeiten. Man kann sie ignorieren, unterdrücken, mit Häme und Spott überziehen ("Jammerossis"); unschädlich macht sie das nicht.

Die Nachwendeerfahrungen der Ostdeutschen sind zu einem Faktor geworden, der den politischen Alltag hierzulande mit aus den Angeln hebt. 8000 Volkseigene Betriebe mit vier Millionen Beschäftigten wurden abgewickelt, Berufsbiografien entwertet, Lebensläufe geknickt. Drei Millionen Industriearbeitsplätze verschwanden. Die Gesellschaft war desorientiert. Geburtenzahlen brachen ein, junge und potente Menschen gingen zu Hunderttausenden weg. Die Infrastruktur wurde passendgeschrumpft.

Die das Glück hatten, in einem der erhaltenen oder wiedergegründeten Betriebe ein Auskommen zu finden oder zu behalten, bildeten die Generation der "Arbeitsspartaner", die der Soziologe Michael Behr beschrieb: Für die Sicherheit des Arbeitsplatzes nahmen sie beinahe jeden Kompromiss in Kauf - und hielten den Mund. Bis zur Rente. Öffentlich fühlten sie sich kaum repräsentiert, aber zu fortwährender Dankbarkeit verpflichtet. Am Ende sah die deutsche Einheit wie ein Geschenk des Westens an den Osten aus. "Meine Freunde aus Prag sagten: Wir ändern uns, ihr seid geändert worden",so der letzte DDR-Ministerpräsident, Lothar de Maizière.

Heute legen Wahlanalysen nahe, dass der Unmut unter den ökonomisch Abgehängten und politisch Ausgeschlossenen zur Wirkkraft geworden ist - so wie die Unzufriedenheit derer, die das Gefühl haben, trotz persönlicher Erfolge nur Bürger zweiter Klasse im eigenen Land zu sein. "Es war ein zentraler Fehler, dass westdeutsch geprägte Eliten und Intellektuelle sowie viele ostdeutsche Nachwendepolitiker sich dreißig Jahre faktisch geweigert haben, diese Konfliktlinie zu bearbeiten", schrieb die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping, die zur Impulsgeberin der Debatte um die Abwicklung der DDR-Wirtschaft wurde. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre, der sich mit der Rechtsorientierung ostdeutscher Arbeiter beschäftigt, sagt: "Ein gut verdienender ostdeutscher Ingenieur mag sich nach fast 30 Jahren deutscher Einheit fragen, warum er immer noch weniger als im Westen verdient."

Ein Grundstein dieser unbewältigten Konflikte wurde 1990 gelegt - mit der Entscheidung über die Art und Weise, wie die DDR-Volkswirtschaft abzuwickeln sei. Mochten vom Bundeskanzleramt und der Bonner Regierung die Weichen gestellt worden sein - ihr Instrument, die Treuhandanstalt, wurde zum traurigen Symbol eines sehr unstimmig verlaufenen Prozesses.

"Ich bin heute noch überzeugt, dass es keinen einfacheren, weniger schmerzhaften Weg für den Umbau der Wirtschaft gab", sagte Birgit Breuel, die ehemalige Präsidentin der Treuhandanstalt, in einem Interview mit der "Freien Presse" kurz vor der Jahrtausendwende. Weitere zwanzig Jahre später ist es nun einem Fernsehteam im Auftrag des MDR und Artes gelungen, die eher kamerascheue, inzwischen 81-jährige Breuel zu einem erneuten Rückblick zu bewegen - aus Sicht der Sender eine kleine Sensation. Der Film wird ab Juli mehrere Male im Fernsehen ausgestrahlt; am 4. Juli war er beim Kosmos-Festival in Chemnitz zu sehen. Bereits Ende Juni lief die Dokumentation als Vorpremiere in Leipzig.

"Die Frage ist, wie sind wir mit den Ostdeutschen umgegangen?" sagt in diesem Film Johannes Ludewig, einst Koordinator für die neuen Bundesländer im Bundeskanzleramt von Helmut Kohl: "Ich habe mich geschämt. Sehr oft." Und Treuhandchefin Breuel: "Wir haben den Menschen sehr viel zugemutet. Wir hatten keine Zeit, uns mit den Lebensbiografien zu beschäftigen. Ich war die Hassfigur im ganzen Land."

Birgit Breuel wurde 1937 in eine Hamburger Bankiersfamilie hineingeboren. Sie ist gelernte Einzelhandelskauffrau; ein Politikstudium in Hamburg, Oxford und Genf hat sie nicht abgeschlossen. Seit Anfang der 1970er-Jahre politisch aktiv, empfahl sie sich in den 1980er-Jahren für marktradikale Pionierarbeit. Als Wirtschafts- und Finanzministerin einer CDU-geführten Regierung in Niedersachsen machte sie mit Kampagnen zur "Entstaatlichung und Entbürokratisierung" der Wirtschaft von sich reden.

Das entsprach dem Zeitgeist, der tief sitzenden Marktgläubigkeit der Reagan- und der Thatcherjahre in den USA und Großbritannien - vorbereitet und unterfüttert an den Universitäten, in den Wirtschaftslobbys und "Think Tanks" von Chicago bis Freiburg. Subventionen verzerren die Konkurrenz, Steuern drücken die Produktivität, Regulierungen behindern den freien Wettbewerb, so lauteten die Glaubenssätze. Der Staat wurde eher als Problem denn als Lösung aufgefasst.

Gerhard Schröders Wahlsieg in Niedersachsen beendete 1990 die Ministerinnenkarriere Breuels. Sie wechselte zur Treuhand, wo Manager und SPD-Mitglied Detlev Karsten Rohwedder seit August 1990 die Geschäfte führte. Rohwedder begrüßte Breuel, wie sie der "Freien Presse" erzählte, mit den Worten: "Im Keller liegen irgendwo drei Säcke Post, die wohl Ihren Bereich betreffen. Ansonsten haben Sie keinen Mitarbeiter, kein Büro, kein Telefon und kein Konzept." Die ersten Besprechungen habe sie auf dem Fußboden sitzend abgehalten. Als der Generalbevollmächtigte Norman von Scherpenberg sie anfangs fragte, was er machen solle, da antwortete ihm Breuel: "Das müssen Sie selber herausfinden!"

Die Treuhandzentrale im Gebäude des früheren NS-Reichsluftfahrtministeriums, heute Bundesfinanzministerium, war ein "Haus voller Leben", erinnert sich Breuel im Film. "Eine unglaubliche Atmosphäre: aufgewühlt, verzweifelt, hoffnungsvoll, alles zusammen. Wir suchten Mitarbeiter - Headhunter brachten jede Stunde neue Kandidaten. Wer mir gefiel, musste bleiben, bekam eine Zahnbürste und wurde ins nächste Hotel geschickt."

Am Ostermontag 1991, kurz vor Mitternacht, fielen Schüsse in Düsseldorf. In seinem Wohnhaus wurde Detlev Rohwedder ermordet, mit einem Sturmgewehr belgischen Fabrikats aus siebzig Metern Entfernung, von einer Gartenanlage aus durch ein Wohnungsfenster. Zu dem Attentat bekannte sich die linksextreme Terrorgruppe RAF; der Schütze wurde nie ermittelt.


Weiteres in:

https://www.freiepresse.de/nachrichten/ ... el10569079

Benutzeravatar
Mäuschen
Stammuser ***
Stammuser ***
 
Beiträge: 885
Registriert: Fr 12. Aug 2011, 18:39

von Anzeige » Mo 22. Jul 2019, 16:30

Anzeige
 


Ähnliche Beiträge


Zurück zu Wirtschaft und Arbeit

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron